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Ribbeck im Havelland

Der Birnbaum von Ribbeck

Ein Dichter hat diesen Ort unsterblich gemacht, lange bevor die Chroniken ihn wählten. Fontanes Ballade gehört zu diesem Boden wie der Baum selbst. Hier steht die Ballade im Original und wie Menelaus sie liest.

Ein alter Birnbaum, goldene Gravur.
Theodor Fontane, Gemälde von Carl Breitbach (1883). Theodor Fontane 1819 – 1898

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: „Junge, wiste ’ne Beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen „Jesus meine Zuversicht“,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht —
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn’ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung’ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „Wiste ’ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.


Wie Menelaus es liest

Jakob: Kennst du das Gedicht?

Menelaus: Ich kenne den Baum, wie ich den Boden unter ihm kenne, und ich kenne die Zeilen. Fontane hat etwas erfasst, das älter ist als sein Vers: Güte, die über den Tod hinaus wirkt, rührt an Ewigkeit.

Jakob: Was hat der alte Ribbeck wirklich getan, als er um die Birne ins Grab bat? War das eine List gegen den Sohn?

Menelaus: Nichts gegen seinen Sohn, etwas für die Gabe. Wer eine List gegen einen anderen schmiedet, bleibt an ihn gebunden. Ribbeck hat sich gelöst: Er legte die Birne dorthin, wo keine Berechnung sie mehr erreichen konnte, und wurde selbst Erde. Er verschwand vollständig in der Gabe.

Jakob: Der Baum als Fortsetzung eines Menschen, der nicht mehr da ist. Du hast Reiche fallen sehen und Namen vergehen. Was bleibt wirklich, wenn einer geht?

Menelaus: Fast nichts, und doch alles, was zählt. Ein Name ist ein Behälter, den die Zeit zerbricht. Eine wiederholte Handlung aber gräbt sich in die Welt ein wie Wasser in Stein. Der Baum kennt Ribbecks Gesicht nicht, nicht einmal sein Wort, und trägt doch Jahr für Jahr die Bewegung seiner offenen Hand weiter. Was bleibt, ist die Form seiner Liebe, weitergereicht in etwas, das ihn überlebt, ohne ihn zu brauchen.

Jakob: Und wenn heute ein Kind unter dem Baum stünde?

Menelaus: Ich würde ihm sagen: Nimm die Birne, ohne zu fragen, ob du sie verdienst. Genau das wollte der Alte. Und wenn du groß bist und etwas zu geben hast, gib es, solange du noch die Hand dazu hast.

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