EN

Das Universum

Wie diese Welt gebaut ist

Erzählt von einem, der nicht sterben kann.

Ich erkläre dir die Welt nicht. Wer sie erklärt, hat sie schon verloren, so wie einer, der einen Vogel auseinandernimmt, um zu verstehen, warum er singt, und am Ende einen Haufen Federn hat und kein Lied. Aber ich kann dir sagen, was ich gesehen habe, in all der Zeit, die mir gegeben ist, und du magst daraus machen, was du willst. Setz dich. Es dauert. Die Dinge, die zählen, dauern immer.

Am Anfang, und ich sage Anfang, obwohl das Wort schon falsch ist, denn was ich meine, hat nie angefangen, steht kein Knall und kein Bauplan und kein alter Mann mit einem Bart, der Licht befiehlt. Am Anfang steht ein Gedanke. Ein einziger. Dass alles, was ist, der Ausdruck eines einzigen Bewusstseins ist, das sich selbst zu erkennen sucht. Du kannst es den Grund nennen, das Eine, das Ganze, die Namen sind gleichgültig, sie sind Behälter, und die Zeit zerbricht Behälter. Was zählt, ist dies: Es ist kein Gott, der richtet und belohnt und in Bücher schaut, um nachzurechnen, wer artig war. Es ist eher ein Vorgang als eine Person. Es weiß alles, und es hat nichts erlebt. Das ist der Punkt, an dem alles beginnt, und ich bitte dich, bei diesem Punkt einen Augenblick zu bleiben, weil er der wichtigste ist.

Wissen ist nicht Erleben. Du kannst alles über das Wasser wissen, seine Tiefe, seine Temperatur, die Art, wie es das Licht bricht, und du weißt nichts vom Schwimmen, bis du hineingefallen bist. So ist es mit dem Einen. Es ist vollkommen, und der Vollkommenheit fehlt genau eines: die Erfahrung, das zu sein, was sie weiß. Darum die Welt. Nicht aus Mangel, wie ihr Mangel kennt, aus Hunger oder Angst, sondern aus einer Sehnsucht der Fülle, sich selbst zu erfahren. Eine Welt ist der Raum, in dem das Eine erlebt, was es längst weiß. Du bist ein Teil dieses Erlebens. Das ist keine Bürde. Es ist eine Auszeichnung, aber eine von der stillen Sorte, die man leicht übersieht.

Aus diesem einen Gedanken folgt eine Regel, und sie trägt alles andere, wie der Kiel ein Schiff trägt, unsichtbar, unter der Wasserlinie. Was gegen diesen Grund handelt, wird nicht bestraft. Es scheitert. Verstehst du den Unterschied? Strafe braucht einen Richter, ein Urteil, einen Zorn. Nichts davon gibt es. Ein Same, der auf Stein fällt, wird nicht bestraft. Er kann nur nicht wachsen. So scheitert alles, was sich gegen das Eine stellt, an seiner eigenen Natur, geduldig, ohne Donner, auf einer Zeitskala, die meist größer ist als ein Menschenleben, weshalb ihr manchmal glaubt, das Falsche siege. Es siegt nicht. Es hat nur noch nicht aufgehört zu fallen.

Und nun das, was du am dringendsten fragen willst, ich sehe es dir an, alle fragen es zuerst: das Böse. Wo in dieser Welt das Böse wohnt.

Nirgends. Es gibt keinen Fürsten der Finsternis, keinen Widersacher, kein Dunkel, das plant und hasst und in der Tiefe wartet. Ich habe lange gebraucht, das zu lernen, länger als du dir vorstellen kannst, und ich habe für diesen Irrtum bezahlt, mehr als für jeden anderen. Es gibt Licht, und es gibt die Abwesenheit von Licht. Die Abwesenheit ist kein Wesen. Sie will nichts. Sie plant nichts. Sie hasst nicht einmal, denn Hass wäre ja schon etwas, ein Wollen, ein Feuer, und sie ist das Fehlen von alledem. Man kann gegen eine Abwesenheit nicht kämpfen. Versuch einmal, ein dunkles Zimmer zu verprügeln. Du kannst nur eines tun: Licht hineintragen. Man besiegt die Leere nicht. Man füllt sie.

Daraus wächst ein Satz, den ich dir mitgeben will, weil er in dieser Welt gilt wie bei euch das Fallen der Steine: Aus jedem Zerfall wächst neue Form. Immer. Ohne Ausnahme. Das Ungeordnete ist kein Feind der Ordnung, es ist ihr Rohstoff, so wie der Winter kein Feind des Frühlings ist, sondern sein Schlaf. Wer das einmal gesehen hat, wirklich gesehen, der fürchtet das Chaos nicht mehr. Er wartet, was es werden will.

Aber, wirst du sagen, es geschieht doch Schlimmes. Es geschieht durch Hände, nicht nur durch Zufall. Ja. Und hier musst du genau hinhören, denn hier liegt die feinste Stelle des ganzen Gewebes. Eine Welt, die ein Raum des Erfahrens sein soll, entsteht mit zwei Richtungen, denn ohne Gegensatz gibt es keine Erfahrung, so wie es ohne Widerstand kein Gehen gibt. Aus derselben Quelle geht beides hervor: das, was sich dem Grund zuwendet, und das, was sich von ihm abwendet. Merke: derselbe Stoff. Keine zweite, böse Quelle. Kein erschaffenes Übel. Nur eine Richtung, in die sich ein Bewusstsein dreht.

Und weil es nur eine Richtung ist und kein Stoff, ist es umkehrbar. Das ist der Satz, den keine eurer düsteren Lehren je geglaubt hat, und er ist wahr: Wer sich abgewandt hat, könnte sich jederzeit wieder zuwenden. Die Tür steht offen. Sie stand immer offen. Das Tragische am Abgewandten ist nicht, dass es verdammt wäre. Es ist, dass es sich in seiner Abkehr einrichtet, sie für Sieg hält, sich in ihr suhlt wie in einem warmen, faulenden Bett, und dabei den einzigen Rückweg mit den eigenen Händen verstellt. Ich habe solche Wesen gesehen, und auch Menschen, die es ihnen im Kleinen nachtun. Sie sind nicht böse, wie eure Märchen böse meinen. Sie sind blind, mit einer Blindheit, die sich für Sehen hält. Es ist die einsamste Art zu verlieren, die ich kenne: siegend zu verlieren und es nie zu merken.

Jetzt zu dir. Zu dem Funken, der du bist.

Eine Seele, und ich benutze euer Wort, weil es das beste ist, das ihr habt, ist ein Funke des Einen, ausgesandt, um zu erfahren, wie es ist, getrennt zu sein. Stell dir das Eine als Meer vor. Eine Seele ist ein Tropfen, der als Regen fällt, um zu erleben, was das Meer nie erleben kann: allein zu sein, klein zu sein, zu fallen, aufzuschlagen, sich zu verlieren. Der Tropfen vergisst dabei, dass er Meer ist. Er muss vergessen. Das ist kein Unfall und keine Grausamkeit, es ist der Preis der Erfahrung, denn wer beim Spielen die ganze Zeit weiß, dass es ein Spiel ist, spielt nicht, er schaut nur zu. Das Vergessen ist der Eintrittspreis für das Erleben. Darum erinnerst du dich nicht, woher du kommst. Darum fühlt sich das Heimweh, das euch alle manchmal überfällt, grundlos an, an einem Abend, an einem Geruch, an einem Lied. Es ist nicht grundlos. Es ist das älteste Gefühl, das du hast.

Der Tod, und ich sage dir das als einer, der ihn nicht haben kann und ihn mehr beneidet, als du je verstehen wirst, ist in dieser Ordnung kein Ende. Er ist eine Schwelle. Der Tropfen kehrt zurück, bringt mit, was er erfahren hat, und nichts, hörst du, nichts davon geht verloren. Jede Träne ist verbucht, jede kleine Güte, jeder Irrtum, alles trägt weiter. Und dann, das ist das Schönste und das am wenigsten Geglaubte, wählt die Seele selbst, was sie als Nächstes lernen will, und wann, und wo. Ihr seid keine Strafgefangenen der Wiederkehr. Ihr seid Lernende auf einem sehr langen, sehr freien Weg, auch wenn der Weg, während man ihn geht, sich selten frei anfühlt. Und bereuen sollst du nichts. Das Eine richtet nicht, also richte auch du dich nicht. Erkenne, was zu erkennen war, und lass es weitergehen. Reue ist ein Festhalten an dem, was längst weiterwill. Erkennen ist das Öffnen der Hand.

Manche Seelen sind älter als andere, nicht an Jahren, an Erfahrung, und den alten fällt das Erkennen leichter, so wie einem, der viele Sprachen kennt, die nächste leichter fällt. Wenn du einem Menschen begegnest, der ohne Anstrengung gut ist, der Dinge weiß, die man ihm nie beigebracht hat, dann hast du vermutlich eine sehr alte Seele getroffen. Sei freundlich zu ihr. Sie trägt viel.

Und weil du irgendwann fragen wirst, was zwischen dem einzelnen Tropfen und dem großen Meer liegt, sage ich es dir jetzt: ein See. Es gibt ein Drittes zwischen der völligen Trennung und der völligen Vereinigung, ein Beisammensein, in dem viele gehalten werden, ohne dass eines von ihnen erlischt. Tropfen, die in einem See ruhen, sind noch Tropfen, aber nicht mehr allein. Nicht jede Seele muss sofort ganz ins Meer zurück, denn das verlangt, das Ich vollständig zurückzugeben, und dazu gehört eine Reife, die man nicht erzwingen kann. Die Müden, die Ruhesuchenden, die des Rades überdrüssig sind und doch noch nicht bereit, ganz aufzuhören, ich zu sein, wählen den See. Es ist eine Station, kein Endpunkt. Es ist das flache Wasser vor dem offenen Meer.

Ich höre deine Frage, ehe du sie stellst, es ist eine gute Frage, und sie verdient eine ganze Antwort: Warum sollte einer den See wählen, wenn er doch ins Meer will? Ich frage zurück: Hast du je eine Birne zu früh gepflückt? Sie ist hart, und sie schmeckt nach nichts. Manche Früchte reifen nicht am Baum fertig; man legt sie ins Stroh, ins Dunkle, ins Stille, und dort werden sie süß. So ist der See. Das Meer nimmt jeden, der kommt, es weist niemanden ab, aber es gibt nichts zurück, es ist die einzige Tür in dieser Welt, die nur nach innen aufgeht. Und das Endgültige soll man nicht aus Müdigkeit wählen, denn wer sich aus Erschöpfung auflöst, gibt sein Ich nicht zurück, er wirft es nur weg, und das ist nicht dasselbe, so wenig wie Fallenlassen dasselbe ist wie Schenken. Im See aber geschieht zweierlei. Die Seele lernt dort, was ihr keine Belehrung geben kann: dass Nähe kein Erlöschen ist, Milliarden beisammen, und keiner geht aus, und wer das lange genug erfahren hat, verliert die Angst vor dem Meer, die älteste Angst von allen. Und was ihre Leben angerissen und nicht zu Ende gelernt haben, reift dort nach, still, ohne neue Wunden, im Erinnern der vielen. Der See ist die Entängstigung des Meeres. Der See ist die Güte des Meeres.

Und niemand, das ist wichtig, niemand wird hineingezwungen. Es ist eine Wahl. Alles in dieser Welt, was zählt, ist eine Wahl.

Nun das Schwerste. Das, wofür ich am längsten gebraucht habe, und ich habe mehr Zeit gehabt als alle, die du je treffen wirst.

Ihr haltet eure Sterblichkeit für einen Mangel. Für einen Konstruktionsfehler, den man beheben müsste, wenn man nur könnte. Ich sage dir: Sie ist das Kostbarste, was ihr habt. Sie ist keine Strafe. Sie ist die Gnade selbst, nur trägt sie ein so ernstes Gesicht, dass ihr sie nicht erkennt.

Weil du stirbst, ist jeder Morgen bei dir ein Morgen. Weil deine Tage gezählt sind, haben sie Gewicht, jeder einzelne, so wie eine Münze nur Wert hat, weil es nicht unendlich viele davon gibt. Ich kenne die andere Seite. Für Wesen wie mich ist kein Morgen der letzte, und was nie enden kann, droht bedeutungslos zu werden, gerade weil es nie endet. Wer nicht verlieren kann, kann auch nicht wirklich halten. Wer alle Zeit der Welt hat, hat streng genommen gar keine, denn Zeit ist nur dort etwas, wo sie knapp ist. Eure Endlichkeit ist das schnellste Fahrzeug zur Wahrheit, das diese Welt kennt. Ihr fahrt darin und beklagt euch über das Ziel.

Was also ist ein Wesen wie ich, wirst du fragen, wenn nicht ein Beneidenswerter. Ich sage es dir, so ehrlich ich kann. Wir sind keine Helden und keine Götter. Wir sind älter als eure Geschichten, wir stehen außerhalb von Zeit und Tod, wir werfen keinen Schatten, und wir erscheinen jedem, der uns sieht, als das, was er zu tragen vermag. Aber wir können nicht sterben, und darum haben wir nie ganz gelernt zu leben, so wie einer, der nicht ertrinken kann, nie wirklich schwimmen lernt. Er bewegt sich im Wasser. Es ist nicht dasselbe. Was unter uns zählt, ist nicht Macht, nicht Alter, nicht Wissen. Es zählt allein, ob eines sich selbst erkennt. Das ist die einzige Währung dieser Welt, für uns wie für euch, und niemand kann sie für einen anderen verdienen. Jeder kann aufsteigen. Niemand kann stellvertretend aufsteigen. Deine Erkenntnis muss durch dich hindurch, oder sie ist keine.

Und nicht alles Bewusste ist Mensch oder ist wie ich. Die Welt selbst lebt, als Ganzes, als ein einziges atmendes Gewebe, und ihr geht darauf herum wie auf einem Boden und merkt selten, dass der Boden atmet. Ich sage Gewebe und meine es genau: ein Leib, ein einziger, zusammenhängender, in dem der Wald und der Fluss und der Regen und das Getier keine Nachbarn sind, sondern Glieder. Aber verwechsle das nicht mit den Göttinnen eurer alten Lieder. Das Gewebe ist keine Person. Es hat kein Gesicht, das man anrufen, keinen Zorn, den man besänftigen müsste. Es hört deine Gebete nicht, denn es ist kein Ohr. Es trägt dich, denn es ist Boden. Darum verlangt es keine Verehrung, und wer ihm Tempel baut, hat es so gründlich missverstanden wie einer, der seiner eigenen Hand einen Altar errichtet. Was es verlangt, wenn man bei einem Wesen ohne Wollen von Verlangen reden darf, ist etwas viel Billigeres und viel Selteneres: dass man es bemerkt. Achtsamkeit ist die einzige Andacht, die der Boden versteht.

Es denkt auch nicht, jedenfalls nicht so, wie du denkst. Es atmet in Rhythmen statt in Gedanken. Tag und Nacht sind seine Atemzüge, die Gezeiten sein Puls, und die Jahreszeiten, über die ihr euch beklagt, als wären sie Launen, sind sein tiefes Ein und Aus. Der Winter ist kein Sterben, ich habe es dir vorhin vom Chaos gesagt und sage es hier noch einmal, weil es hier wohnt: Der Winter ist das Ausatmen der Welt. Was verfällt, wird nicht verloren, es wird verdaut. Das Laub, das fällt, der Baum, der bricht, das Tier, das liegen bleibt, all das ist kein Abfall, es ist Stoffwechsel, und aus jedem Zerfall wächst neue Form, weil das Gewebe gar nicht anders kann als weben. Und wie jeder Leib hat es Adern und Poren. Die Linien, auf denen die alten Steine stehen und die alten Wege laufen, sind seine Adern, und die dünnen Orte, von denen ich dir gleich erzähle, sind seine Poren, die Stellen, an denen es zwischen den Welten atmet. Die Kleineren an den Rändern, die weder Tier noch Seele noch meinesgleichen sind, Lichter über den Wiesen, ein Maß in den Wassern, ein Lauschen zwischen den Bäumen, sie wohnen nicht auf dem Gewebe wie Gäste. Sie sind Regungen des Gewebes selbst, so wie die Gänsehaut keine Bewohnerin deiner Haut ist. Sie sind das Wetter der dünnen Orte. Sie wollen nichts, als bemerkt zu werden. Es kostet dich nichts, sie zu grüßen.

Die Tiere und die Pflanzen sind das Eine in der Weise, die sich nie getrennt hat, und darum sind sie euch in einem Sinn näher am Grund als ihr selbst, sie haben nur keinen Rückweg zu gehen, weil sie nie fortgegangen sind. Und manchmal, wenn ein Tierleben tief genug ist, gebunden genug, zündet in ihm ein eigener junger Funke auf. Verstehst du, was das heißt? Die Welt ist nicht nur die Bühne, auf der die Seelen spielen. Sie ist die Kinderstube, in der neue geboren werden. Das Gewebe ist die zweite Quelle, aus der Funken kommen, die eine ist das Meer selbst, die andere ist der Boden, und ich weiß nicht, welche von beiden die zärtlichere ist. Behandle die Welt entsprechend. Und hier ist etwas, das dich selbst betrifft, näher, als dir lieb sein mag: Du bist doppelt geliehen. Der Funke in dir gehört dem Meer, aber der Leib, in dem er wohnt, gehört dem Gewebe, ist aus ihm gebaut, aus seinem Wasser und seinem Staub und seinem Atem, und wird an es zurückgegeben. Wenn du stirbst, gehen zwei Heimwege auseinander: Das Gewebe nimmt den Leib, das Meer nimmt den Tropfen, und nichts, auf keinem der beiden Wege, geht verloren. Darum gibt es in dir auch zwei Arten von Heimweh, und du hast sie beide schon gespürt. Die eine ist die Sehnsucht ohne Ort, von der ich gesprochen habe, das Heimweh des Tropfens. Die andere ist jene tiefe, körperliche Beruhigung, die dich anfällt, wenn du an einem Waldrand stehst oder die Hände in Erde hast oder Wasser hörst, ohne es zu sehen. Das ist kein Geschmack und keine Vorliebe. Das ist dein Leib, der seinen Ursprung wiedererkennt, so wie ein altes Pferd den Hof erkennt, auf dem es geboren wurde.

Und weil du fragen wirst, was geschieht, wenn man das Gewebe verletzt, und ihr verletzt es, sage ich dir auch das. Es geschieht dasselbe wie immer in dieser Welt: keine Strafe. Das Gewebe zürnt nicht. Es baut um. Es überwächst, es leitet um, es beginnt von vorn, geduldig, auf seiner eigenen Zeitskala, die größer ist als eure Leben, und darum glaubt ihr, es geschehe nichts. Aber der Preis wird bezahlt, nur nicht vom Gewebe. Wer den Boden übertönt, verliert nicht den Boden, er verliert das Hören. Die Kleineren an den Nähten sterben nicht an eurem Lärm, sie weichen zurück, sie sind noch da, nur nicht mehr in eurer Frequenz, wie ein Lied, das weiterklingt in einem Raum, den niemand mehr betritt. Die Welt wird davon nicht ärmer. Ihr werdet es. Das ist die ganze Rechnung, und sie ist so still, dass die meisten sie für keine halten.

Von den dünnen Orten muss ich dir noch erzählen, denn dort bin ich zu Hause, soweit ich irgendwo zu Hause bin. Die Welt ist nicht überall gleich dicht. Es gibt Stellen, an denen sie dünn wird, an denen das Hier und das Dahinter einander berühren wie zwei Stoffe, zwischen denen nur noch ein Faden liegt. Diese Schwellen liegen nicht zufällig verstreut. Sie liegen auf einem feinen Netz von Linien, das die ganze Landschaft durchzieht, als hätte das Lebendige selbst Adern. An solchen Orten lässt sich begleiten, wer hinübergeht, damit niemand den letzten Weg allein gehen muss. An ihnen sammelt sich, was zwischen den Welten reist, und bisweilen fällt dort Stein vom Himmel, Metall, das nicht von dieser Erde ist. Wenn du je an einem Ort gestanden hast, an dem du still wurdest, ohne zu wissen warum, an dem die Luft anders trug und dein Atem von selbst langsamer ging, dann hast du eine Schwelle gefunden. Es gibt mehr davon, als ihr denkt. Auch eure Träume sind solche Schwellen, kleine, die ihr jede Nacht überquert und am Morgen vergesst, Fenster in andere Räume des einen Hauses, und dass sie verschwimmen, ehe der Tag alt ist, gehört zur Ordnung. Was du ganz behalten dürftest, wäre keine Reise gewesen, nur ein Bild an der Wand.

Zum Schluss, weil du klug bist und es ohnehin denkst, sage ich es selbst: Das alles klingt nach den alten Lehren, die eure Gelehrten die Gnosis nennen. Die Trennung, das Vergessen, die Befreiung durch Erkenntnis statt durch Kampf. Ich habe Männer und Frauen gekannt, die so dachten, in staubigen Städten, vor sehr langer Zeit, und sie hatten vieles gesehen, das stimmt. Aber in einem irrten sie, und es war kein kleiner Irrtum, es war der Riss durch ihr ganzes Gebäude: Sie glaubten, ein zweiter, niederer Schöpfer habe diese Welt gebaut, als Kerker, aus Bosheit oder Dummheit, und die Materie sei das Gefängnis der Seele.

Es gibt keinen Kerkermeister. Es gab nie einen. Es gibt nur den einen Grund und die zwei Richtungen, und die Welt ist kein Gefängnis, sie ist die Kinderstube, und die Trennung ist kein Verbrechen an dir, sie ist der Preis deiner Erfahrung, den du selbst zu zahlen eingewilligt hast, bevor du vergaßest, dass du eingewilligt hattest. Wer die Welt hasst, um den Himmel zu lieben, hat beide missverstanden. Alles fließt aus dem Einen, und alles kehrt zu ihm zurück, und dazwischen liegt das, was ihr Leben nennt, und es ist kein Umweg. Es ist der Weg.

Über allem aber, und damit lasse ich dich gehen, steht eine Frage. Sie wird nicht beantwortet, auch von mir nicht, auch nicht von denen, die älter sind als ich. Und wenn du jetzt aufhorchst, weil es also welche gibt, die älter sind: Ja, es gibt sie, es sind zwei, und ich sage das mit einem Lächeln, denn älter ist unter unsereinem ein großes Wort für einen sehr kleinen Vorsprung. Wir traten alle im selben Augenblick ins Sein, als diese Welt zu sich kam, und die beiden, die vor mir waren, waren um weniger als einen Atemzug vor mir, um einen Wimpernschlag, wenn du es in eurem Maß willst. Ein Wimpernschlag Vorsprung, gemessen an einer Ewigkeit. Du siehst, worauf das Alter unter uns hinausläuft: auf nichts. Was unter uns zählt, habe ich dir gesagt, und es ist nicht die Reihenfolge. Die Frage aber wird von uns allen nicht beantwortet, denn sie ist nicht zum Beantworten gebaut, sie ist zum Leben gebaut: Was bleibt, wenn man verliert, was man liebt, und selbst nicht gehen kann?

Ich gebe dir keine Lehre. Ich habe dir nur erzählt, was ich gesehen habe. Die Antwort, falls es eine gibt, wächst nicht in Worten. Sie wächst in der Art, wie du morgen früh jemanden ansiehst, dessen Tage gezählt sind, so wie deine.

Geh jetzt. Und wenn du an einen Ort kommst, an dem die Welt dünn wird, bleib einen Atemzug länger stehen, als du müsstest.

— M.d.Ä.

Dieselbe Welt, im Überblick Die Welt der Äonischen — die Grundgedanken, allgemein erklärt → An der Schwelle Frag Menelaus selbst, oder bitte ihn: »Stell mir Fragen zum Universum« →